Ev.-Luth. Kirchgemeinde Jonsdorf

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Deutsch-Tschechischer Gottesdienst 2018

Predigt am 14.01.2018, 2. Sonntag nach Epiphanias
Kazani, 2. po Zjeveni Pane


Predigttext: 1. Kor 2,1-10

Liebe Gemeinde!
Paulus macht gleich im zweiten Kapitel seines Briefes nach Korinth klar: menschliche Weisheit gerät an ihre Grenzen.
Ich denke, dass ist uns allen nicht immer so klar. Ich versuche etwas in meinem Leben in den Griff zu bekommen. Ich erwarte sehr viel von ärztlicher Heilkunst. Bildung und Ausbildung ist – mit Recht – hoch angeschrieben und wertvoll. „Wovon wir aber reden, ist … nicht eine Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen.“ Herodes wollte mit den drei Weisen einen Wissenshandel eingehen. Er wollte die Weisheit anderer für seinen Machterhalt einsetzen. Die Botschaft Gottes, brachte die drei Weisen davon ab, sich auf diese Art Weisheit einzulassen. Sie rettete dem kleinen Jesus das Leben.
Der Staat, unsere Gesellschaft hat viele Einrichtungen, die beraten sollen und wollen: Professoren in Wirtschaftsräten, Ethikräten, in Deutschland z.B. die Gruppe der „Wirtschaftsweisen“. Aller viertel Jahre gibt sie ihre Prognose für die Zukunft. Die Gesellschaft setzt auf Expertenwissen. Immer häufiger hört man von Studien in allen möglichen Fachgebieten. In den TV-Talkshows wird Weisheit in Meinungen und Ratschlägen dem Publikum ausgeteilt. Mancher Fernsehweise scheint schon zum Mobiliar der wechselnden Shows zu gehören. So oft sind sie als Weise gefragt. Weisheit all überall. Vielleicht ist das in Tschechien ähnlich?
Da kommt jemand auf Arbeit, im Büro, in der Schule und sagt, wie es jetzt anders lang gehen soll. Ein scheinbar Allwissender. Die neuen Herren. Manche Ost-West-Probleme in Deutschland werden heute darauf zurückgeführt: da kamen die anderen und haben alles anders gemacht, mit dem Recht des Stärkeren und Weiseren. Die Folgen waren bei weitem nicht immer gut: Betriebe wurden geschlossen, Menschen wurden in großer Zahl arbeitslos. Ihre beruflichen Erfahrungen wurden wertlos. Sie brachen auf und haben die Heimat verlassen. In der Oberlausitz geschah das vor allem um das Jahr 1995 herum, vor mehr als 20 Jahren. Das haben viele erlebt. Die Folgen sind spürbar: eine abnehmende Bevölkerung, viel weniger junge Menschen und Familien, die Enkel wohnen jetzt in München oder Stuttgart.
Und wieder kommen Weise, die die demographische Entwicklung auf Jahrzehnte überblicken wollen. Sie geben wahlweise nüchterne oder düstere Prognosen ab. Ganze – vor allem ländliche Regionen – werden regelrecht abgeschrieben. In den Medien erscheinen sie nur noch als dunkle Gegenden, aus denen nichts Gutes kommt. Keine Zukunft.
Paulus zeigt die Grenzen menschlicher Weisheit. Im Buch der Sprüche heißt es: „Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg; aber der Herr allein lenkt seinen Schritt.“ (Sprüche 16,9) Setzen wir nicht zu viel auf menschliche Weisheit, auf Expertenmeinung und Ratgeber. Erwarten wir nicht zu viel! Geben wir nicht zu viel darauf. Ob im Netz oder in den zahlreichen Ratgeberbüchern: heute wird das geschrieben, morgen jenes und übermorgen etwas ganz anderes. Im Bereich der Ernährung haben wir uns schon daran gewöhnt.
Was bedeutet Weisheit für unser Leben? Wir haben im Bibelgesprächskreis im Jonsdorfer Pfarrhaus gerade das Buch der Sprüche vor uns. Eines der Schriften im Alten Testament, in denen es um Weisheit geht und das selbstverständlich auch Paulus gut kannte.
Da wird deutlich: Die Weisheit zeigt sich im Alltag. Sie ist Teil unserer Erfahrungen. Sie wird in Lebensmaximen deutlich, z.B. einem Sprichwort, wie wir es auch aus der Bibel kennen: „Hochmut kommt vor dem Fall.“ (Sprüche 16,18b) Sie ist Teil unserer praktischen Lebensführung. Weisheit zeigt uns aber auch ein Lebensideal, das oft nicht erreichbar ist. Sie birgt Erfahrungen, denen wir zustimmen können. Wie zu manchem schönen Sprichwort! Aber wir kennen auch die gegenteilige Erfahrung: z.B. „Gegensätze ziehen sich an.“ – „Gleich und gleich gesellt sich gern.“ Da zeigen sich widersprüchliche Erfahrungen, die beide im Leben ihren Platz haben. Ich denke an die Frau aus Spanien, von der die Zeitung berichtet hat unter der Überschrift: „Ehrlich währt am längsten – gilt nicht mehr.“ Sie hatte einem siebenjährigen Kind im Kaufhaus verraten, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt und die Eltern die Geschenke kaufen. Das Gericht verurteilt sie, weil sie das Kind schockiert hat.
Weisheit ist begrenzt und sie muss sich in der Praxis erst bewähren. Deshalb: Glaubenspraxis! Die schreibt Paulus ganz groß. Die soll auch für uns gelten und angesagt sein. Durch „Erweisung des Geistes und der Kraft.“ Das steht für erlebte Wirkung, für gesammelte Erfahrung. Das steht für das, was uns wichtig geworden ist.
Paulus zeigt menschliche Weisheit nicht negativ. Er zeigt die Grenzen. Er zeigt, dass es mehr gibt. Er zeigt, was hinter dieser Grenze liegt und worauf wir wirklich setzen können. Er zeigt, was wirklich wichtig ist: Jesus Christus, allein Jesus Christus, der Gekreuzigte. Ohne Zweifel einer der ganz zentralen Bekenntnisse in der Bibel!

In dem kraftvollen Bekenntnis liegt ein großes Wagnis, das wir heute genauso erleben wie es Paulus erlebt hat. Auf den Gekreuzigten, den Verurteilten, den Verlierer, den Ohnmächtigen setzen? Könnte es nicht viel lieber ein Held, ein strahlender Sieger, ein mächtiger Mann sein, ein Diktator, der sagt, wo es lang geht? Sollte man nur auf eine Karte setzen? Ist es nicht besser auf Verschiedenes zu vertrauen? Mehrere Standbeine? Mehrfach abgesichert? Die Menschen in Korinth sicherten sich oft in mehrfacher Hinsicht ab. In Glaubensdingen setzten viele auf mehrere Götter und auf menschliche Weisheit in astrologischer, magischer und psychologischer Form: Karten, Horoskope, Engelstimmen und Wahrsager. Gar nicht weit weg von unserer Zeit!
Paulus spürt das Wagnis des christlichen Glaubens regelrecht körperlich. „Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern.“ Er ist keineswegs der starke Macher, der glänzende Missionar, der Glaubensheld, für den er manchmal gehalten wird. Wie sympathisch und uns ganz nah! Er bekennt sich zu seinen Fehlern und zu seiner Unvollkommenheit. Er bekennt „allein Jesus Christus, den Gekreuzigten.“ In dem Bekenntnis klingen die Leitmotive für unser neues Jahr 2018.

In der Betonung des Gekreuzigten liegt die ganze Tiefe des Geschehens. Unvollkommenheit und Fehler, Schwäche und Zweifel sind nicht Makel an uns. Vorhandene Sorgen und Ängste. Sie sollen uns nicht erdrücken. Sie sind nüchterne Feststellungen. Für manche sind sie sicher weise. Auf jeden Fall werden sie von uns genommen. Jesus hat sie ans Kreuz genommen. Er hat sie von uns weg genommen. Wir lassen sie hinter uns. Wir starten befreit in das neue Jahr 2018!

Sind wir bereit für die unerforschlichen Wege Gottes? Wir haben es lieber klar und deutlich vor uns. Wir wüssten schon sehr gern, was das neue Jahr alles so mit sich bringt. Viel wird jetzt, am Beginn des neuen Jahre sin die Glaskugel geschaut. Was wird das neue Jahr bringen? Was würde ich wirklich anders machen, wenn ich alles schon wüsste? Darauf antwortet Paulus in seinem Brief: „ … der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit“. Ob im Rückblick oder in der Voraussicht gilt: Menschliche Weisheit ist etwas Schönes, aber sie ist nicht alles. Jesus Christus, der Gekreuzigte, ist alles in allem. So starten wir voller Vertrauen ins neue Jahr 2018!

Gottes Liebe begleitet uns. Paulus nimmt ein Wort aus dem Buch des Propheten Jesaja auf: „Was kein Auge gesehen hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott breitet hat denen, die ihn lieben.“ Diesen Gottesdienst haben wir mit den Liedern bewusst noch einmal sehr weihnachtlich gestaltet. Gerade jetzt, wo viele Dekoration und Weihnachtsschmuck schon längst wieder in Kisten verstaut ist. Da wollen wir Gottes Liebe auf keinen Fall einpacken und verstauben lassen. Wir wollen damit nicht bis zum nächsten Mal warten. Sie gilt uns heute und in Zukunft. So, wie wir sie an der Krippe erlebt haben: Gott wird Mensch für uns im Holz der Krippe. Jesus stirbt für uns am Holz des Kreuzes. Die Weisheit Gottes setzt einen neuen Maßstab. Sie wird uns wirkliche Weisheit zum Leben. In der Liebe Gottes gehen wir in das neue Jahr 2018! Amen.
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Predigt zum Kirchweihfest Jonsdorf 2017

Psalm 84 – Der Kirchweihpsalm. „Freude am Haus Gottes“
von Pfarrer Christian Mai

Der Psalm ist vor einer Reise verfasst. Sie wird nach Jerusalem führen – zum haus Gottes, dem Tempel, dem Zentrum des Glaubens im alten Israel. Wir erfahren nicht, ob er jemals dort war. Lesen wir den Psalm merken wir nach und nach: Das ist am Ende gar nicht so wichtig. In der Spannung zwischen unterwegs sein und zu Hause sein bewegt sich der Psalmbeter. Zwischen Wohnung und Tempel in Jerusalem. Er ist als Pilger unterwegs. Auf dem Lebensweg. Das Sinnbild des Lebens, das in den letzten Jahren viele Menschen in der ganzen Welt wieder aufgenommen haben. Von der Schülerin aus Zittau bis zum Fernsehstar Hape Kerkeling.
Manchmal treibt es uns fort. Manchmal sind wir sehr gern wieder zu Hause, froh angekommen zu sein, z.B. nach einer Reise.
Immer ist es beruhigend zu wissen, wohin man gehört.
Das ist Musik, zwar ohne Noten, aber immer wieder vertont zu allen Zeiten und in verschiedensten Musikstilen. Darin zeigt sich der Wechsel des Lebens als Lob und Anruf Gottes und als Klage. Musik lässt Heimat entstehen: ein vertrautes Lied, selbst für Menschen mit Demenz noch eine Wohltat, ein Auftauchen von Erinnerungsstücken, die ganz kostbar für uns sind. Wiedererkennen!

Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth!
Der Psalmbeter spricht von den Wohnungen in der Mehrzahl. Zebaoth – die Heerscharen, die unermessliche Fülle Gottes, der die ganze Erde füllt und den der Himmel nicht fassen kann. Im Johannesevangelium nimmt Jesus den Gedanken der Wohnungen auf: In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen. (Joh 14,2) Gorbatschow hat später das Bild der Wohnungen für das Leben im gemeinsamen Europa gebraucht. Ein freundliches Bild, eine gute Vorstellung: gemeinsam wohnen. Beieinander sein, nicht anonym und vergessen, nicht einzelkämpferisch und einsam, sondern im Miteinander, Tür an Tür , in einer solidarischen Partnerschaft.
Das Bild für Gottes bei uns sein: Wohnung nehmen. Da sein. So möchte Gott uns ganz nah sein: bei uns. Mit Hilfe und Rat uns zur Seite stehen, uns durchs Leben begleiten.

Meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen des Herrn;
Sehnsucht ist nicht nur schön, sondern auch wichtig. Nicht bei sich selbstzufrieden zu ruhen, nicht immer undankbar zu jammern und zu meckern, sondern nach notwendigen Veränderungen sich zu sehnen. Damit zu beginnen: in den Träumen, in den Vorstellungen. Gerade dann, wenn ich nicht vor Ort sein kann. Das birgt Kraft. Ich denke an die Reisesehnsucht in der DDR, die die Kraft der Veränderung mit sich geführt hat und schließlich in die Freiheit mündete. Reisefreiheit!

Mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott.
Freude ist nicht allein die Sache des Kopfes, sondern von Leib und Seele – mit meinem ganzen Leben. Freude im Glauben bedeutet nicht kurzfristiges Strohfeuer an abbrennender Freude, sondern langfristige Zufriedenheit, Schutz in den stürmischen Tagen und nicht äußerliche, sondern dauernde innerliche Freude. Wer glaubt, kann nie wieder verzweifelt unglücklich sein. Wer glaubt, betet: Dein Wille geschehe. Gott ist lebendig. Keine steife Starrheit, sondern Veränderung und Schöpfung: Neues.

Der Vogel hat ein Haus gefunden und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen – deine Altäre, Herr Zebaoth, mein König und mein Gott.
Im direkten, wörtlichen Sinn: Vögel finden Schutz an den Mauern und Dächern, den Fenstern und Nischen der Kirche: Turmfalken, Tauben, Amseln, Krähen, die ganz oben auf der Turmspitze sitzen uns Ausschau halten. Ein Vogelhaus bauen. Ein Nest finden oder es machen. Der übertragene Sinn dieser Worte: Geborgenheit und Heimat finden. Zu sich selbst kommen, zur Ruhe kommen, zu dem kommen, zu dem Gott mich im Leben beruft. Was ist meine Aufgabe? Was ist der Sinn? In der Kirche kann ich mir klarer darüber werden. Das wird z.B. deutlich, wenn ich zurückkehre, an die Konfirmation denke. Meinen Tauf-, Trau- oder Konfirmationsspruch im Licht meines Lebens bedenke. Aus meinen Gebeten werden Dank und Bitte. Ich verknüpfe mich mit Gott. Er hört zu. Und ich will ihm zuhören, nicht auf den Lärm der Welt, der mich in die eine oder andere Richtung beeinflussen will. Ich will ganz auf Gott hören.

Herr, Gott Zebaoth, höre mein Gebet; vernimm es, Gott Jakobs!
Der Psalmbeter geht zum direkten Gebet über. Er ruft nach Gott. Er fleht. Das ist das Wesentliche am Haus Gottes: das Gebet. So wurde jahrhundertelang vom Bethaus als der Kirche gesprochen. Unsere Gebete hört Gott von überall. Das ist ein durchbeteter Raum mit einer großen geistlichen Kraft, die zu spüren ist. Seit Generationen, seit 1731, seit Georg Birnbaum, der als erster Christ hier getauft wurde. Ich kann in der Stille mich ganz darauf konzentrieren. Zum beten und Hören kommen.
Hören wird immer wichtiger. Zuhören! Nicht erst seit den Wahlergebnissen vom letzten Sonntag. Der Glaube kommt aus dem Hören. So behält die Kanzel auch eine wichtige zeichenhafte Stellung in ihrer Funktion: die Kirche - ein Ort des Hörens.

Herr, Zebaoth, wohl dem Menschen der sich auf dich verlässt.
In den Stürmen der Zeit: Verlässlichkeit. Gottes Wort bleibt bestehen. Es war von Anfang an da und bleibt. Die Zeiten ändern sich, wir Menschen kommen und gehen wieder. Vor 100 Jahren mussten die Glocken abgegeben werden. Heute rufen sie wieder zum Gebet im Alltag, zum Gottesdienst am Sonntag und an den Feiertagen. Bei Gott ist Ewigkeit, ohne Zeit und wir haben dort Wohnung und letzte Geborgenheit! Das möchte uns Kraft geben im Glauben in dieser Welt zu bestehen.
Jeden Gottesdienst in unserer Kirche, immer wieder neu, im Hören auf Gottes Wort. Amen.
Und der Friede Gottes ...
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Predigtreihe 2017 - "Allein Christus"

25.6.2017 (Tag der Augsburgischen Konfession) „Allein Christus“
von Pfarrer Christian Mai

Von heute an werden wir die Gelegenheit haben, an vier Sonntagen aus Anlass des 500. Reformationsjubiläums den vier reformatorischen Leitgedanken in den Predigten nachzugehen: „Allein Christus“, „Allein die Bibel“, „Allein durch den Glauben“, „allein aus Gnade“. Da „allein“ lateinisch „solus“ heißt, wird manchmal von den „vier Soli“ gesprochen: Solus Christus, Sola Scriptura, Sola Fide, Sola Gratia. Diese Leitgedanken hat die Reformation nicht erfunden. Sie waren Wiederentdeckungen in der Bibel. Das selbständige, unvoreingenommene, mündige Lesen in der Bibel brachte sie ans Licht – besonders beim Lesen der Paulusbriefe. Wenn die Predigten dazu beitragen, darin die Basis des Glaubens im 21. Jahrhundert zu festigen und neu wieder zu entdecken, haben sie ihr Ziel erreicht. So werden 500 Jahre Reformation keine Lutherfestspiele, sondern ein Fest für und mit Christus. Das führt in das Zentrum des christlichen Glaubens. Damit finden wir Antworten in den Herausforderungen unserer Zeit.

Wir beantworten damit die Fragen: Warum evangelisch sein / lohnt es sich evangelisch zu sein? Die Fragen nach der Identität stellen sich im pluralen Umfeld unter den Bedingungen von Globalisierung und Multi-Phänomenen intensiv. Sie werden von einigen immer extremer beantwortet – mit Radikalisierung im politischen aber auch im Glaubensbereich. Bis hin zum aggressiven Atheismus und der Haltung „Ist mir alles egal.“ Schon gilt der Glaube selbst als verdächtig.
Dem gegenüber steht nicht eine selbst gebastelte Überzeugung oder gar Ideologie. Evangelisch heißt Leben, Glauben, Hoffen und Nächstenliebe vom Evangelium her: von der Botschaft von Christus, von der Erzählung seines Lebens durch die Evangelisten Markus, Matthäus, Lukas und Johannes her. Evangelisch heißt, sich immer wieder von der Bibel her auch kritisch fragen lassen und nach einem Weg für die Wahrheit zu suchen.

Der Start der Predigtreihe erfolgt in einem bemerkenswerten Zusammenhang von der Suche nach der Antwort des Glaubens: in der Person Johannes des Täufers und in den Einsichten der Reformatoren des 16. Jahrhunderts. Der Tage 24. Juni / Johannistag und 25. Juni / Tag der Augsburgischen Konfession – in Erinnerung an die in Augsburg 1530 vorgelegten Grundbedingungen des evangelischen Glaubens. Das war ein Akt von Mut und Befreiung zugleich. Er war aus den Einsichten des Bibellesens gewachsen.

Johannes 8,31-36 Die befreiende Wahrheit

Adventszeit. Der Besuchsdienst kommt im Pfarrhaus zusammen. Die letzten Begegnungen werden erzählt. Schöne und schwierige Situationen kommen zur Sprache. Eine gewisse Aufregung ist im Raum zu spüren. Bei einem Besuch wurde der christliche Glaube massiv in Frage gestellt. Diese Fragen sind jetzt mit da. Der Besuchte hatte sich eher still verhalten, aber die Partnerin schimpfte auf die Kirche, die Kreuzzüge und das Geld. Der Spiegel hat in seiner neuesten Ausgabe sowieso die Person von Jesus Christus angezweifelt. „Den hat´s doch gar nicht gegeben. Wissenschaftlich alles widerlegt.“ Betretene Stille. Da erzählt eine sonst eher schweigsame Besucherin die Geschichte von der Bauersfrau, die zu Weihnachten Christus zu Besuch erwartet und alle, die zwischendurch hereinschneien, barsch abweist. Allein in Christus wird Gott Mensch. Das ist einzigartig unter den Weltreligionen. Erkennbar in einem jeden Mitmenschen, meinem Nächsten. „Mach´s wie Gott, werde Mensch!“

„Allein Christus“ ist eine Wendung, die das Wesentliche des Glaubens zusammenfasst. Mögen die christlichen Kirche weltweit sehr verschieden sein, darin stimmen sie überein: Christus steht im Zentrum des Glaubens. Nach ihm nennen sie sich, nennen wir uns, Christen. Der Name ist zugleich Bekenntnis, wie Petrus sagt: „Du bist Christus!“

In den 1940er Jahren wurde in der Wirtschaftstheorie das „Alleinstellungsmerkmal“ eingeführt. Es sollte die Besonderheit, Qualität, Eigenheit und die Hervorhebung eines Angebots kennzeichnen. Inzwischen gibt es das überall: ob in der Politik, in der Wirtschaft, im Tourismus. Viele Lebensbereiche kennen „Alleinstellungsmerkmale“. Wir könnten auch vom „Profil“ der digitalen Welt in den sozialen Medien sprechen. Was macht mich als Persönlichkeit aus? Wie unterscheide ich mich unter Millionen Nutzern?
Sicher sträuben sich viele im Zusammenhang von Christus von einem Angebot oder einem digitalen Profil zu sprechen. Ich möchte aber die Gegenfrage stellen: Bietet sich Christus nicht an? Die Wahrheit macht frei. Sie besteht, selbst wenn zunächst Lügenschleier sie verhüllen sollten oder jeder Mensch sich von Christus ganz eigene Vorstellungen macht und denkt: Das ist er: z.B. mit Latschen, langem Haar, Bart und Toga. Die Wahrheit macht frei von Vorurteilen, falschen Vorstellungen und Missbrauch. Deshalb bindet sich Christus nicht an Äußerlichkeiten. Ihm kommt es auf das Menschsein an. Das ist Menschlichkeit, die den anderen Menschen nicht egal sein lässt. Sie ermöglicht Beziehungen und Vertrauen, weil das alles von Gott ausgeht.

Im Bibelabschnitt spricht Jesus vom „Bleiben am Wort“, von der Erkenntnis der Wahrheit und von ihrer befreienden Wirkung: „Die Wahrheit wird euch frei machen.“ Das gehört ganz sicher zu den Grundeinsichten, dass Wahrheit uns zu einer positiv empfundenen Freiheit führt. Gleichzeitig handeln wir in der Regel nicht danach: „Das kann ich nicht zumuten …“ Notlügen, Halbwahrheiten, alternative Fakten, das scheibchenweise Zugeben – Salamitaktik genannt. Wir kennen viele Formen, der Wahrheit aus dem Weg zu gehen, obwohl wir sie lieben.
Im Bibelabschnitt wird deutlich, wie Jesus die Wahrheit an sich persönlich macht. Sie ist in seinen Worten nicht eine abstrakte philosophische Größe, keine dehnbare politische Aussage oder ein beliebiger Fakt. Er steht selbst dafür ein. Mit seinem Leben. Er lebt die Beziehung zu Gott ganz aktiv. Er bezahlt für sein Einstehen mit dem Tod am Kreuz. Er macht nicht halt vor den schwierigsten Momenten und Entscheidungen im Leben. Er macht damit die Wahrheit seines Lebens für alle zugänglich. Bei ihm ist spürbar Wahrheit, wenn Jesus erzählt und handelt – in den Bildern der Gleichnisse, wie in den konkreten Taten der Zuwendung, Heilung, Versöhnung und Einbeziehung. Jesus lebt und liebt. Er ist unterwegs zu uns.
Den Lebensweg gehen. Die Wahrheit im Leben herausfinden. Das Leben in Christus finden. Manche haben sich dafür in den letzten Jahren auf Pilgerwege begeben. Sie suchen. Suchen wir nicht alle? Christus sucht selbst nach Antworten. Deshalb spricht er so intensiv mit Gott und den Menschen. Deshalb bringt er vieles in Bilder. Er fertigt nicht vor. Er geht vor, nimmt mit und stellt in Frage. Das meint Christus, wenn er selbst Weg, Wahrheit und Leben für die Menschen ist. Er sagt es nicht nur. Er verkörpert es – in seinem Handeln, wenn er sich etwa um einen am Rand des Weges stehenden Menschen kümmert, in der Konsequenz seines Lebens, in der Hoffnung und Liebe, die uns mit seinem Kreuz und seiner Auferstehung zukommt. Am besten spürt das jede Leserin und jeder Leser der biblischen Berichte. Aussagen stehen neben einander. Nichts ist geschönt oder idealisiert oder gar auf eine Linie gebracht. Selbst menschliche Widersprüche sind nicht glatt gebügelt. Von welcher geschichtlichen Persönlichkeit lässt sich das sagen? Christus zeigt den Menschen vor Gott, weil er selbst Mensch ist. Vom Kind in der Krippe an. Darin liegt nackte Wahrheit. Einerseits schonungslos, andererseits liebevoll. Nicht um seiner selbst willen geht Jesus den Weg, damit er etwa gut da stehen kann. Er geht den Weg der Wahrheit, um Orientierung überhaupt möglich zu machen. Er lebt die Beziehung zu Gott als Vater, damit positive Beziehungen entstehen, die tragen und halten, wenn ein Mensch „in den Seilen hängt“. Durch ihn erfahren alle Menschen ganz persönlich Wertschätzung und Zuspruch.

Reicht es in unserer Zeit nicht, wenn es heißt: Jeder soll nach seiner Fasson selig werden? Sind nicht durch „Allein-“ Ansprüche unheilvolle Glaubenskriege vom Zaun gebrochen worden und haben im Lauf der Jahrhunderte so viel Leid über die Menschen gebracht?
Das ist mir zu unpersönlich. Das enthebt jeden Einzelnen seiner Verantwortung. „Allein“ ist eine ganz persönliche Aussage. Wie hätte er oder sie gehandelt? Es befreit, sich zu fragen: Was würde Jesus jetzt tun. Sicher liege ich dann niemals immer richtig. Jesus nimmt meine Entscheidung nicht vorweg. Ich bin frei. Ich kann mich beim Lesen in der Bibel korrigieren lassen. Ich kann mit Jesus ins Gespräch gehen – nicht anders, als mit meinem besten Freund, der sich alles anhört und mir beim Antworten keinesfalls nur nach dem Mund redet. Er spricht auch mir unbequeme Dinge aus und konfrontiert mich mit der Wahrheit, wenn es sein muss. Auf diese Hilfe von außen möchte ich nicht verzichten. Was für mich heilsam und gut im Leben ist, kann ich mir nicht alles selbst sagen.

Und noch etwas ist mir wichtig. Menschen haben seit den Tagen von Christus immer wieder erfahren: in ihm hilft mir Gott. In ihm begegnet mir Gott. Von ihm höre ich sein Wort. Das ist verlässlich. Dahinter steht kein Eigeninteresse. Das fragt nach und ist niemals ideologisch, es sei denn es wurde missbraucht. Davor schützt das selbständige, unvoreingenommene, mündige Lesen in der Bibel. Die Regime in der Welt, die das Bibellesen verbieten, wissen sehr genau, welche Kraft darin steckt: Christus. Sie haben nicht Angst vor einem Buch – die Regime in Nordkorea, auf den Malediven, beim sogenannten IS, sondern davor, dass Christus den Menschen begegnet. Denn die Wahrheit wird euch frei machen.

Die Reformatoren orientierten sich mit „Allein Christus“ am Handeln Gottes. Sie fassten Erfahrungen seit den Menschen der Bibel zusammen Gott rettet durch Christus. Sein Name ist Programm. Er ist der Grundstein, auf den ich setzen möchte: „Einen anderen Grund kann niemand legen, als den, der gelegt ist: Jesus Christus.“ (1. Kor 3,11) Wenn es um die Wahrheit geht, kneifen wir oft genug. Nicht wir selbst noch jemand anderes holt die Kastanien aus dem Feuer und steht letztlich für uns ein. Nicht unsere eigenen unzureichenden Kräfte erlösen uns. Allein Christus.
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