Ev.-Luth. Kirchgemeinde Jonsdorf

Ev.-Luth. Kirchgemeinde Jonsdorf


216

Predigt Karfreitag 2020

Predigtwort: 2. Kor 5, 14-21

Liebe Gemeinde,
der Karfreitag ist immer ein besondere Tag. Er hat einen ganz eigenen Charakter. Es ist oft ein sehr ruhiger, besonnener Tag. Viele genießen diese Stille. In unserem Nachbarland Tschechien wurde er als Feiertag vor drei Jahren sogar wieder eingeführt. Manchen ist er zu ruhig und sie fürchten sich geradezu vor dem Innehalten. So spiegelt er die Stimmung der ganzen Zeit. Der Zwiespalt entsteht zwischen dem anhaltenden Ruhigen, Zurückgezogenen und dem „es muss weiter gehen, Stillstand bedeutet Tod.“
Und genau diese zwei Seiten halten den Tag in der Schwebe der Zeit. Denn beides stimmt auf jeweils seine Weise. Für Jesus hat der Stillstand des Lebens den Tod am Kreuz bedeutet. Trotzdem läuft das Leben weiter. Es haben sich Routinen eingestellt. Alles soll sein wie immer. Auch deshalb musste Jesus am Kreuz sterben. Er hat die Routine gestört.
Die Unterbrechung ist im wahrsten Sinn des Wortes „heilsam“. Es ist nach meinem Empfinden auch genau, das was ich brauche: Einkehr, Besinnung, die Gedanken auf das Wesentliche des Lebens zu richten. Jesus rettet uns mit seinem Kreuz. Daraus erwächst uns neue, feste Gewissheit. Im Kreuz wird Gottes Liebe sichtbar. Er wendet sich uns gerade in den dunkelsten Stunden des Lebens zu.

In dieser Gewissheit hat Paulus seinen zweiten Brief an die Gemeinde in Korinth geschrieben: „Denn es ist die Liebe von Christus, die uns antreibt.“ (Vers 14) Er setzt zwei Schwerpunkte, wie das Antreiben in Liebe wirkt: durch Versöhnung und durch Gerechtigkeit. Beides spielt für uns immer wieder im Leben eine große Rolle.
Gerechtigkeit hat für uns schon mit den feinsten Empfindungen zu tun. Natürlich oft nach unseren eigenen Vorstellungen. Aber genauso oft auch nach dem Grundsatz der Gleichheit. In den Zeiten einer weltumspannenden Krankheitswelle macht sich das deutlich: Alle sind vor der Krankheit gleich und es kann jeden treffen. Paulus beschreibt das mit dem Motto: einer für alle und alle für einen: „Wenn einer für alle gestorben ist, dann sind damit zugleich alle gestorben. Christus ist für alle gestorben, damit die Lebenden nicht länger nur für sich selbst leben. Sie sollen jetzt vielmehr ganz für den leben, der für sie gestorben ist und auferweckt wurde.“ (Verse 14 und 15) Die vorgestellt Gerechtigkeit geht nicht danach, was ich für gerecht halte (vielleicht noch weil es mir nützt). Die Gerechtigkeit Gottes ist solidarisch. Sie setzt sich für allseitige Gerechtigkeit ein. Sie gilt im Miteinander. Im Persönlichen gilt: Nur Gott kann mir wirklich gerecht werden.
Eine Frau hat sich ihr ganzes Leben lang für ihre Kinder eingesetzt. Zu einem Festtag lädt sie alle Kinder ein. Sie backt einen großen Kuchen, in den sie alles hineintut, was sie an Zutaten hat. Aber auch all ihren Einsatz und ihre Liebe, mit der sie die Kinder in gleicher Weise liebt. Dann setzt sie den Kuchen den Kindern vor und sagt: „Teilt ihn unter euch.“ Dann geht sie kurz hinaus. Sofort nehmen die beiden Stärksten einen großen Teil des Kuchens. Die anderen streiten sich um den Rest und geraten sich dabei in die Haare. An die beiden stärksten aber wagt sich niemand heran. Als die Mutter wieder ins Zimmer kommt, wird sie traurig. Der Kuchen reicht für alle. Jeder bekäme genug. Jetzt aber ist Streit. Auf ihr Zureden, erklären sich die beiden Stärksten bereit, von dem vielen Kuchen, den sie sich gesichert hatten, etwas wieder abzugeben und unter die anderen zu verteilen. (nach Hoffsümmer I, 232)
In dieser Geschichte liegt auch schon der zweite Schwerpunkt, den Paulus setzt: die Versöhnung. Die Mutter ist traurig, weil die einen Kinder ungerecht handeln und weil die anderen sich streiten. Versöhnung bedeutet immer, einen schwierigeren Weg zu gehen. Die Anerkenntnis von Schuld gehört dazu. Als in Südafrika die Trennung der Weißen von den Schwarzen aufgehoben wurde, entschied man sich für Gespräche zwischen den Tätern und Opfern dieser jahrzehntelangen Trennung. Viel war zu erzählen. Eins half dabei besonders: die Anerkennung von Schuld. Oft wird die christliche Versöhnung als ein „Schwamm drüber“ missverstanden. Das wird aber niemandem gerecht. Deshalb hält Gott Gericht und zieht zur Verantwortung. Nicht um uns Angst zu machen (das wäre keine gute Motivation zum Handeln), sondern um alles zur Sprache zu bringen. Das Eingeständnis von Fehlern, von Schuld und Sünde macht uns nicht kleiner, aber demütiger und freier. Wir brauchen uns nicht ständig vergleichen. Wir können statt dessen auf Jesus am Kreuz sehen. Alle haben Teil daran, die die unrecht handeln und die sich streiten. Alle haben Teil am Kreuz und jeder hat sein Kreuz im Leben.
Als der Klosterbruder einer Einsiedelei in der Wüste Sünde auf sich geladen hatte, hielten die anderen Mönche in der Umgebung eine Versammlung ab und schickten zu Altvater Moses. Der aber wollte nicht kommen. Daraufhin sandte ihm der Priester den Auftrag: „Komm, denn das Volk erwartet dich!“ Moses erhob sich und kam. Er nahm einen durchlöcherten Korb, füllte ihn mit Sand und nahm ihn auf die Schulter. Die Brüder gingen ihm entgegen und fragten ihn: „Was ist das, Vater?“ Da sprach der Greis zu ihnen: „Das sind meine Sünden. Hinter mir rinnen sie heraus, und ich sehe sie nicht, und nun bin ich heute gekommen, um fremde Sünden zu richten.“ Als sie das hörten, sagten sie nichts mehr zu dem Bruder und verziehen ihm. (Hoffsümmer II, 47) „Daher beurteilen wir von nun an niemanden mehr nach menschlichen Maßstäben. Auch Christus nicht, selbst wenn wir ihn früher nach menschlichen Maßstäben beurteilt haben.“ (Vers 16)
Beide – Versöhnung und Gerechtigkeit – brauchen die vorlaufende Einsicht: da ist Unrecht geschehen, da habe ich Schuld auf mich geladen. Beides fällt uns sehr schwer. Dabei hat solch ein Eingeständnis etwas Entlastendes. Denn Jesus hat die Schuld für mich schon getragen, hat das Kreuz auf sich genommen, hat mehr Gerechtigkeit geübt, als ich es mit meinem Leben kann. Daraus kann mir im Glauben eine heilsame Gelassenheit erwachsen. Ich muss mich gar nicht um Kuchenstücke streiten. Gottes Kuchen ist so ausreichend, dass alle etwas davon bekommen können. Verteilungsstreit ist sinnlos. Gott liebt alle Menschen. Das ist beruhigend, aber auch ermutigend. Denn damit wird jedes solidarische Handeln zur Tat der Liebe und zu der Gerechtigkeit, die Gott gern hat, weil sie uns Menschen alle betrifft.
In einem Passionslied dichtete Paul Gerhardt: „Wenn böse Zungen stechen, mir Ehr und Namen brechen, so will ich zähmen mich.; das Unrecht will ich dulden, dem Nächsten seine Schulden verzeihen gern und williglich.“ (EG 84, 11) Was uns im ersten Moment ungerecht vorkommt (weil es uns selbst betrifft), zeigt den Weg zur Versöhnung. Wie Gott es im Kreuz Jesus gezeigt hat: Er verzichtet auf eine eigene Machtdemonstration. Er enthält sich bei der Verteilung des Kuchens und lässt den anderen den Vortritt. Kurzfristig scheint das erfolglos zu sein und schwächlich da zu stehen. Doch langfristig verändert das sich Zurückhalten die Welt. „Gott hat Christus, der keine Sünde kannte, an unserer Stelle als Sünder verurteilt. Denn durch Christus sollten wir vor Gott gerecht dastehen.“ (Vers 21) Diese Einstellung brauchen wir im Zeitalter des digitalen Prangers, der Likes und der Disses. Wo Menschen in der öffentlichen Meinung heute top und morgen flopp sind. Wo Menschen einander verletzen, weil sie sich anonym bewegen und denken, sich dafür nicht verantworten zu müssen. Mobbing – das Runtermachen anderer Menschen - verlangt Gerechtigkeit und Versöhnung. Dazu brauche ich ein konkretes Gegenüber, das mir im Netz oft fehlt. Eh ich darüber in allgemeinen Weltschmerz versinke oder bitter werde, brauche ich den Glauben von Gerechtigkeit und Versöhnung, der im Kreuz Jesu alles angeheftet sieht: Unsere Hasskommentare, unsere Ausfälligkeiten, unsere Niedertracht und Gemeinheiten, unser Lästern, unsere Verletzungen in Worten und Taten. Jesus lässt sich das alles ans Kreuz heften, damit etwas Neues wird: „Das Alte ist vergangen. Seht doch! Etwas Neues ist entstanden! Das alles kommt von Gott. Durch Christus hat er uns mit sich versöhnt.“ (Vers 17 und 18) Da liegt die Quelle unseres Lebens: in der Versöhnung durch und mit Gott. Sie befähigt mich zu allem Weiteren.

Paulus schließt daraus auf unseren Auftrag: Wir sind zu Botschaftern der Versöhnung berufen. Analog wie digital. Das macht keinen Unterschied. Der Spott mag im digitalen Umfeld sogar größer, auf jeden Fall aber sicher, sein. „Wir treten anstelle von Christus auf. Es ist, als ob Gott selbst die Menschen durch uns einlädt.“ (Vers 20) So heißt Karfreitag tatsächlich: nicht mitmachen, unterbrechen, Routinen hinterfragen, innehalten. Dann wird die Botschaft uns um so klarer erreichen: „Lasst euch mit Gott versöhnen!“
Pfarrer Christian Mai
(Die Bibelstellen wurden nach der BasisBibel zitiert.)
213

Predigtmeditation zu Weihnachten 2019 in Jonsdorf

Gast sein und Gäste aufnehmen.

Hilfe, die Gäste kommen! Bei Ihnen und bei euch zu Hause auch? Sind sie schon eingetroffen und nun gibt’s einen Notruf aus der Küche? Was es heißt, Gäste zu empfangen und selbst Gast zu sein, darum dreht sich zum Weihnachtsfest viel.
Die Bibel, liebe Gemeinde, erzählt an mehreren Stellen von Gästen: Abraham empfängt die drei Männer in der glühende Mittagshitze und kümmert sich um ihr Wohl. Im Schatten bekommen sie zu Essen und zu Trinken. Maria empfängt den Engel, der ihr die unglaubliche Botschaft der zukünftigen Weihnacht bringt: ein Kind wird geboren werden. Gottes Liebe soll zur Welt kommen, um alle Menschen in diese Liebe einzubeziehen. Maria ist von dieser gastlichen Begegnung ein wenig geschockt. Der Gast hat ihr Dinge gesagt, die sie nicht erwartet hat. Jesus liebte es mit den unterschiedlichsten Menschen zusammen zu kommen. Immer wieder gab es abendliche Gastmahlzeiten. Vor allem aber auch wir sind nach der Bibel Gäste auf Erden, in Gottes schöner Schöpfung. Alles ist uns anvertraut zum pfleglichen Umgang. Es ist einfach nicht schön, wenn Gäste sich daneben benehmen. Etwa das Mobiliar zerstören, am Essen mäkeln und auch sonst viel dreckig machen.
Wir werden gleich den Ansturm in Bethlehem erleben. Wegen einer Volkszählung. Die Hotels, Pensionen und Herbergen besetzt. Das Personal ist knapp. Alle sind im Einsatz. Wie nur den Ansturm bewältigen?
Maria „gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.“ Nicht einmal die Herberge, sondern der Stall mit der Futterkrippe für die Tiere. Und dafür wird in den meisten Krippenspielen der Wirt verantwortlich gemacht. Was für ein böser Herbergswirt! Kein guter Gastgeber. Schickt die junge Familie in den Stall! Schnell ist man empört. Wir haben unser Urteil gefällt. Was aber hätten wir in der gleichen Situation gemacht?
Wie reagieren wir auf Gäste zu Hause? Gar noch ungebetene Gäste. Unangemeldete. Lieben wir das spontane Zusammensein oder brauchen wir Vorlauf, Planung, Vorbereitungszeit … Jeder Mensch ist da ein wenig anders. Jede Situation ist anders. Manchmal passt es sehr gut. Ein anderes Mal gar nicht. Aber Gäste möchten wir nicht missen. Sie gehören zu einem Fest. Einsamkeit wäre ein scharfes Schwert. All die stressigen Vorbereitungen passieren in der Regel nicht für eine Person allein – für einen selbst. Wir freuen uns auf unsere Lieben, auf das Zusammenkommen der Familie, auf andere Gäste. Manche nehmen zu Weihnachten Menschen als Gäste auf, die sie eher selten bei sich haben. Gute Gespräche, gutes Essen, eine behagliche Atmosphäre braucht Menschen, die sie vorbereiten und gestalten.

Betrachten wir uns einmal den Wirt. Er ist der Besitzer der Herberge in Bethlehem. Bis heute ein touristisch anziehender Ort. Er ist verantwortungsvoll. Er muss seinen und seiner Familie Unterhalt verdienen. Er muss für die Gäste da sein. Auch wenn er in der Bibel nicht direkt vor kommt. Es muss ihn gegeben haben. So oder so. Aber geht es uns nicht auch so? Auch wir kommen nicht direkt vor. Wir hören uns die Weihnachtsgeschichte an. Vielleicht wie ein schönes Märchen aus guter alter Zeit? Wir haben eine etwas romantische Vorstellung vom Stall und der kleinen Familie. Wir denken nicht an die Kälte, den Gestank, den Dreck.
Wir sind im Leben oft wie der Wirt. Wir empfangen Gäste oder weisen sie ab. Wir übernehmen Verantwortung oder schieben sie weg. Wir stehen vor der Frage: Wollen wir sie hineinlassen: Josef und Maria, die Hochschwangere. Was kommt da auf uns zu? Wir sind ganz wichtig in der Geschichte. Es gibt kein außen davor. Abweisen oder herein lassen. Zumindest nach einer Lösung suchen.

Was ist uns dabei als Gastgeber wichtig und was als Gast?

Auffallend viele Geschichten handeln in diesen Tagen von Weihnachtsgästen – gebetene und ungebeten, eingeladene und überraschende. Eine Geschichte, die ich immer wieder gern im Advent lese, heißt „Weihnachten mit Bockwurst und Kartoffelsalat.“ Ein Ehepaar in den mittleren Jahren, die Kinder aus dem Haus, kommt von der Kirche nach Hause und fragt sich, wie sollen sie Weihnachten verbringen? Gäste einladen? Nein das geht nicht, die meisten haben ja doch keine Zeit. Über diesen Überlegungen schneit ihr entlegenes Haus langsam ein. Doch da passieren auf einmal unerwartete Dingen: Jemand muss telefonieren, das Abschleppauto bleibt selbst liegen, eine Frau vom Lieferservice bekommt die Lieferung abgesagt, weil die Gäste wetterbedingt ausbleiben. Nach und nach kommen auf diese Weise Gäste ins Haus: Verschiedene Menschen treffen sich und helfen einander. Das Wichtigste aber ist das Gespräch, das gemeinsame Essen und gemeinsames Singen.
Es geht nicht um viel und doch geht es um alles. Die Vorbereitung war nicht perfekt oder groß. Gott begnügt sich mit einem Stall, von dem die Könige noch denken: Hier kann es nicht sein. Die Geburt des neuen Königs der Welt im Stall? Die überraschenden Momente des Gastgeberseins öffnen uns im Leben Fenster und Türen. Sie sind die Sauerstoffzufuhr für Lebensfreude. Die Mitmenschlichkeit siegt! Die Liebe siegt!

Die Advents- und Weihnachtslieder verwenden eine ganze Reihe von Bildern vom Gastsein und vom Wirtsein: Macht hoch die Tür, die Tor macht weit. Sei mir willkommen edler Gast! Groß und Klein, Kranke und Gesunde, Arme und Reiche – alle lädt Gott ein.
Gott nimmt Wohnung im Herzen. Seine Gastgeberschaft ist umfassend, nicht nur für ein paar Stunden oder Tage. Im Herzen bleiben! Das ist unser weihnachtliches Stichwort. Fühlen wir uns herausgefordert von den Worten und Situationen der Bibel – ganz besonders von der Weihnachtsgeschichte. Betrachten wir sie nicht als ein Märchen aus der guten alten Zeit. Sehen wir in ihr Gottes Botschaft an uns.

Schon im Alten Testament heißt es: „Meine Wohnung soll unter ihnen sein, und ich will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein.“ (Hes 37,27) Gott will unser Gast sein. Ist er ungebeten für uns?

(Die Geschichte einer Frau, die auf den lieben Gott wartete. Sie wollte gern Gastgeber sein und hat sich doch alles ganz anders vorgestellt.)

Gott wohnt, wo man ihn einlässt.
210

Predigt am 31.12.2019

Im Blick auf die Jahreslosung 2019 „Suche Frieden und jage ihm nach.“ (Psalm 34,15) und den Predigttext des Tages: Hebräer 13,8.9

„Suche Frieden und jage ihm nach.“ Ein Blick zurück heute Abend am letzten Tag des Kalenderjahres 2019 mit der Jahreslosung von 2019. Wir wollen auf jeden Tag, jede Stunde am Ende dieses Jahres aus dem Blickwinkel des Friedens zu sprechen kommen. Dieses Wort wollen wir noch einmal ins Gebet nehmen.
Haben wir unseren Frieden mit diesem Jahr gemacht?

Manches ist geworden. Manches ist liegen geblieben oder gescheitert. Mancher wird traurig sein. Vielleicht auch aufgewühlt. Gefühle und Gedanken kreisen in Kopf und Bauch, tragen vielleicht gerade in diesem Moment die Gedanken fort. Sehr Persönliches bewegt uns: Schönes und Gelungenes, Böses und Ungerechtes, Dankbarkeit und Bitternis, Frieden und Zufriedenheit, Unfriede und Unruhe.

Eine gemeinsamer Grund zur Wehmut und für manche zur Trauer ist mit Sicherheit die Vereinigung der Jonsdorfer Kirchgemeinde / Olbersdorfer Kirchgemeinde mit den drei benachbarten Schwesterkirchgemeinden in diesen Tagen. Damit endet ein Abschnitt der Geschichte, der 1868 nach einem sachsenweiten Gesetz mit dem erstmaligen Zusammentreten der Kirchenvorstände in Jonsdorf zur Kirchgemeinde Jonsdorf begann. In den 151 Jahren / Olbersdorf 1883-2019: 136 Jahren ist unermesslich viel geschehen, bewegt und zum Segen geworden. Nun wird aus der Kirchgemeinde wieder die Jonsdorfer Kirche / Olbersdorfer Kirche in der Kirchgemeinde Zittauer Gebirge. Das ähnelt ein wenig den Verhältnissen, die zuvor bestanden, als alle Schwesterkirchgemeinden des Zittauer Gebirges zum Rat der Stadt Zittau gehörten. Mit Zittau und den Dörfern zwischen Oberseifersdorf und Leuba wird es ab 2021 ein neues Schwesterkirchverhältnis geben.

Im Blick auf die Jahreslosung 2019: „Suche Frieden und jage ihm nach.“ (Psalm 34,15) hieß es deshalb für uns: verhandeln, um Strukturen ringen, Verträge schließen, Frieden suchen bei aller Unterschiedlichkeit. Das ist ein Sinnbild unseres Lebens. Wo wir unsere Tage und Stunden ausgehandelt haben, wo wir um Tagesstrukturen für die Familie oder auf Arbeit gerungen haben, wo wir mit anderen Menschen einig geworden sind oder leider auch nicht, wo wir Frieden gesucht haben, wie es uns der Weg Jesu weist: So es an euch liegt, habt mit möglichst allen Menschen Frieden. Der Glaube und das Leben in Christus macht es nicht unter diesem Anspruch. Das ist mir noch einmal sehr bewusst geworden mit der Jahreslosung 2019. Es reicht nicht, sich über die großen weltweiten Konflikte aufzuregen und zu Hause einen Streit nach dem anderen vom Zaun zu brechen, nicht zum Gespräch bereit zu sein, sich dem Gebet ja sogar für die Feinde zu verweigern, rechthaberisch zu sein oder zu denunzieren, falsches Gerede zu verbreiten. Frieden beginnt bei mir selbst. Das hat Jesus eindrucksvoll gezeigt und mir dort seinen Segen zugesagt, wo ich für den Frieden bereit bin, selbst wenn ich dafür über meinen Schatten springen muss.

Auf dem Foto zur Jahreslosung ließ ein Mädchen eine Taube fliegen Es lässt los. Es präsentiert sich nicht mit der Taube: Seht her, was für ein toller Friedensmensch ich bin. Die Hände lassen frei. So wird Frieden: ich verzichte zuerst. Das macht mich bereit. Das macht mich offen – wehrlos. Das hilf Menschen und Schöpfung gleichermaßen: Verzicht. Verzicht auf Ehre und Stolz. Verzicht auf Ansprüche an andere. Verzicht auf Macht und Geld.

„Suche Frieden und jage ihm nach.“ Wie notwendig war diese Losung und bleibt sie! Kriege in der Welt – bekannte und vergessene: Jemen, Ukraine, Syrien, Kaschmir, innere Konflikte wie in Libyen, Afghanistan, Mali, immer wieder aufflammender Streit im Heiligen Land, kalte und ungelöste Konfliktlinien wie in Korea. Das alles ist Gott nicht egal. Oft genug wird er dafür verantwortlich gemacht oder im Mund geführt, obwohl Menschen die Verantwortung tragen. Der Satz „Warum lässt Gott das zu“ bedeutet an dieser Stelle, die Verantwortlichen von ihrer Schuld frei zu sprechen. Das könnte uns so passen: Schuld weg zu schieben, wie seit den ersten Tagen im Paradies. Es soll uns nicht egal sein. Wir können uns bei den Folgen dieser Konflikte nicht heraus nehmen, auch wenn das so einfach wäre. Wir müssen die Last mit tragen. Diese Konflikte verlangen, genau hin zu sehen. Nicht vorschnell zu urteilen. Auf beide Seiten der Konfliktparteien zu achten. Wir können und sollen beten.
Genau so zwiespältig in Sachen Frieden geht es uns momentan in der sächsischen Kirche mit dem Rücktritt von Bischof Rentzing. Da ist viel Unfrieden. Er wächst sich aus, wo Unzufriedenheit und Undankbarkeit Raum gewinnen, wo wir uns von Neid und dem scheelen Blick auf andere Menschen: „Was die alles haben.“ leiten lassen. In Deutschland, in Sachsen: überall, wo innerer Unfriede das Miteinander in Frage stellt und die Nächstenliebe dem Egoismus gewichen ist. Überall da ist uns die Jahreslosung gehörig in die Parade gefahren.

Dass wir den Frieden suchen, lässt mich fragen: Wo habe ich Frieden gesucht? Dass wir den Frieden suchen, heißt als Botschaft Gottes an mich: Frieden lässt sich finden. Niemand ist zum Unfrieden verurteilt. Wo habe ich Frieden gefunden?
Vielleicht in einem klärenden Gespräch mit einem Nachbarn oder Kollegen. Im Verzicht auf meine Rechtsposition, obwohl mir dies oder das zusteht. Vielleicht im Gefangenenaustausch in der Ukraine am letzten Sonntag. Vielleicht in den Friedensbemühungen zwischen Äthiopien und Eritrea. Im Ende des Bürgerkrieges in Kolumbien. Da ist viel „Vielleicht“ und Suche und Tasten und Vorwärtskommen mit Rückschlägen. Aber es ist der einzige Weg. Jesus durchbricht die Spirale von gewaltsamer Antwort und Gegenantwort.

Dem Frieden „nachjagen“ - das hat etwas Unbedingtes. Suche und Jagd. Tauben sind keine Jagdtiere. Am besten denken wir an das an einer Sache intensiv dran bleiben, von der wir erkannt haben wie notwendig sie überall ist: Frieden. Keine Phrase, kein abgedroschenes Wort, sondern Urzustand der Menschheit mit Gott – sein Reich, sein Wille, sein Plan mit uns.

Die Taube ist das Symbol von Gottes Geist: Wo Frieden wird und bleibt ist Gottes Geist. Das ist in Gottes Sinn. Niemals will Gott Krieg. Das wäre Missbrauch seines Namens. Die Taube verkörpert die Freiheit. Das ist der Lohn des Friedens: ein auskömmliches, gutes Miteinander, in dem Konflikte ausgesprochen werden, wo Streit nicht in die falschen Kanäle von Macht und Gewalt gerät, sondern offen, um der Nächstenliebe willen ausgetragen wird. Wo Klarheit herrscht, Respekt vor der Meinung anderer, wo Argumente zählen und niemals Waffen ob körperlicher oder seelischer Art. Gott stellt das nicht als Forderung in den Raum. Er lebt das. Er fängt damit an im Stall, in der Krippe, in einem wehrlosen Kind, seinem Sohn Jesus Christus. In ihm ist das Programm für die Welt, das Ziel und der Weg:

Christus ist unser Friede!
Im Predigtabschnitt für den heutigen Tag aus dem Hebräerbrief heißt es: „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. Lasst euch nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade ...“ (Hebr 13,8.9)
Die Aufgabe der Jahreslosung bleibt: auf dem Weg des Friedens mit Gott gehen! Er begleitet uns schon längst. Er zeigt uns im Handeln von Jesus, wie das geht:
Mitmenschlichkeit, Verantwortung, eine eigene Meinung, sich nicht so schnell von irgendeinem zeitgeistigen Druck aus der Bahn werfen lassen, Standfestigkeit und Treue im Glauben.

Der Neuanfang auf dem Weg zum Frieden passiert, wo ich meine eigenen Grenzen kennen gelernt habe. Wo ich verzichte. Wo ich mich nicht besser sehe als die anderen. Wo ich mich von Gottes Leidenschaft für den Frieden berühren lasse. Wo ich mich annehmen kann, wie Gott mich schon längst angenommen hat: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ (Mk 9,24) Jahreslosung 2020.
top